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Samstag, 19. Januar 2013

Warum ich (trotzdem) ins Kino gehe


Das 18. INTERNATIONALE BREMER SYMPOSIUM ZUM FILM mit dem Thema „Zuschauer? Zwischen Kino und sozialen Netzwerken“, das an diesem Wochenende stattfindet (17.-20.1.2013), setzt sich u.a. mit der Frage „Why Do We Go to the Movies“ auseinander.

Und hier tue ich es.

Ein Dienstagabend in einem Saal in einem Multiplex-Kino irgendwo in Hamburg
Ich setze mich auf den äußersten Platz am Gang in einer der hinteren Reihen. Vor mir auf der Leinwand kommt ein Mitarbeiter einer Firma zum wohl 5000sten Mal aus dem Urlaub zurück, der ohne die Sekretärin, die ihn lächelnd begrüßt, nur halb so schön war. Werbespot reiht sich an Werbespot. Deren Originalität bleibt schon deshalb begrenzt, weil man als regelmäßiger Kinogänger schon des Öfteren das „Vergnügen“ hatte. Nun gut, in vielen Kinos gehört die Werbung nun mal dazu, sie sorgt dafür, dass die Ticketpreise nicht ins Unermessliche steigen und wird deshalb stillschweigend, wenn auch wenig andächtig erduldet.

30 Minuten sind vorbei – der Film kann losgehen. Die Zeiten, in denen es vor dem Hauptfilm noch einen entdeckenswerten Kurzfilm zu sehen gab, sind ja leider vorbei. Stattdessen werden einem die Trailer von fünf Filmen geboten, die in den Startlöchern stehen und auf die natürlich aufmerksam gemacht werden muss. Zwei hätten es für meinen Geschmack auch getan, aber so weiß ich jetzt jedenfalls, welche vier Filme  ich mir nicht anschauen muss.

Die ersten Worte während dieser Filmvorführung kommen nicht aus den Lautsprechern, sondern von dem Herrn in der Reihe hinter mir. Er hat vergessen, dass er mit seiner Begleiterin nicht zu Hause im Wohnzimmer sitzt und drückt seine Begeisterung über den Beginn des Films voller Euphorie (und Lautstärke) aus: „Das fängt ja schon mal gut an. Herrliche Musik.“ Und so ähnlich geht es noch eine ganze Zeitlang weiter. Bis ich mich umdrehe und arglos frage: „Aber Sie werden jetzt nicht den ganzen Film kommentieren?“ Er schweigt und hält das Schweigen tatsächlich während der gesamten Filmlänge durch.

10 Minuten nach Filmbeginn macht sich drei Reihen hinter mir ein Handy bemerkbar. Inklusive Werbung hat es jetzt schon mehr als 30 Minuten in der Hosentasche ruhen müssen, was selbst dem nobelsten iPhone zu viel werden kann. Es scheint ein Geschäftsgespräch zu sein, offenbar macht jener Kinobesucher eben mal seinen Mitarbeiter zur Sau und erklärt ihm (und uns) dann mit aufgebrachter Stimme wie die Excel-Tabelle in Word einzubinden sei („Neiiiiiiiiiin. Nicht Strg + C. STRG+L? Wieso? …..“). Für einen Moment gelingt es mir, mich auf die Leinwand zu konzentrieren. James Bond hat zumindest andere Sorgen.

Es knistert. Kaum ein Kinobesuch vergeht ohne dieses „durch Bewegung verursachte helle, kurze, leise raschelnde Geräusch“ (Duden), das den Kinobesuch für viele „Kinofans“ offenbar erst perfekt macht. Leider ist so eine Tüte nicht in wenigen Sekunden leer ….

Zu den Geräuschen gesellen sich jetzt noch Bewegungen und Gerüche. Zuspätkommer, die sich nicht so recht entscheiden können, ob sie denn nun wirklich auf den Plätzen, die auf ihren Kinokarten in Zahlen und Buchstaben aufgedruckt sind, Platz nehmen sollen. Das verdient mindestens eine gewisse Zeit der Diskussion, die stehend auf der Treppe in der Reihe vor mir verbracht wird. Es mischt sich ihr, vorsichtig ausgedrückt, etwas mehr als dezenter Parfümduft mit dem Geruch der Käsesauce, die sich über seine Nachos ergießt.

Die jungen Leute zwei Reihen vor mir werden unruhig. Sie sind zu sechst gekommen, aber wie es aussieht, interessiert sich nur einer von ihnen für diesen Film, dem sie nun alle auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Vielleicht ist heute sein Geburtstag und sie haben ihm aus diesem Grund den Gefallen getan, mit ihm in diese Vorstellung zu gehen. Aber mit Gesprächen lässt sich ja so manche Langeweile vertreiben.

Durch eine angenehmere Sitzhaltung versuche ich mich zu entspannen. Zu gern hätte ich jetzt meinen linken Arm auf die Sitzlehne gelegt, die jedoch leider besetzt ist (und besetzt bleibt).

Jemand erhebt sich. Sein Platz befindet sich in der Mitte der gleichen Reihe, in der ich auch sitze. Es ist wie bei der La-Ola-Welle im Fußballstadion: Einer nach dem anderen steht auf, damit dieser Mensch „nature` s call“ außerhalb des Kinosaales nachgeben kann. Ich vermute, dass er zurückkommen wird und dann wird sich die La-Ola-Welle entgegengesetzt bewegen.

Erschreckt zucke ich zusammen. Ich muss für einen Moment eingeschlafen sein, denn ich erinnere mich an einen Traum. Ein Traum, in dem ich mit vielen anderen Menschen in einem Kinosaal saß, es aber trotzdem nichts gäbe außer mir, der Dunkelheit um mich herum und dem Film auf der wundervollen großen Leinwand. Kino könnte so schön sein!

Und natürlich ist es das auch, denn zwar haben sich die oben beschriebenen Vorfälle alle so oder so ähnlich ereignet, jedoch niemals alle während eines Kinobesuches. Und dann gibt es da ja auch noch die Kinosäle, in denen man kein Popcorn und keine Nachos kaufen kann, in denen es vor dem Film keinen aus dem Urlaub zurückkehrenden Mitarbeiter gibt, der sich jetzt einen neuen Arbeitsplatz suchen muss, weil er die Ehefrau seines Chefs als Zwerg bezeichnet hat, und in denen das Publikum genau wie ich fast hingebungsvoll den Film auf der Leinwand verfolgt. Pure Kino-Magie eben!

(Regina Nickelsen)



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