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Samstag, 20. Februar 2016

#Berlinale 2016 – Eine Mini-Bilanz



Für mich war die Berlinale bedauerlicherweise schon am Dienstag (15.2.) vorbei. Ich gönne mir nur immer vier Tage (oder mute mir diese zu), aber vielleicht sollte ich das mal auf sechs Tage strecken. Denn dieses Mal war das alles richtig entspannt, meine Termine lagen zeitlich zumeist recht weit auseinander, sodass es keinen Zeitstress gab. War richtig gemütlich.

Mein klarer Favorit unter (leider) nur acht Filmen: A QUIET PASSION (GB/Belgien 2016) von Terence Davies. Ich mag seine Arbeit ohnehin (seine dokumentarische filmische Symphonie OF TIME AND THE CITY ist einer der wundervollsten Filme, die ich je gesehen habe). Und A QUIET PASSION, ach ja, ich liebe diesen Film. Großartig gespielt (nicht nur Cynthia Nixon in der Rolle der US-amerikanischen Dichterin Emily Dickinson), schön gefilmt, aufgebaut wie ein Gedicht in verschiedenen Strophen, toll erzählt – 10 von 10! Emily Dickinson hat wundervolle Gedichte geschrieben, durch diesen Film bin ich der Person Emily Dickinson näher gekommen und schätze ihre Arbeit jetzt noch mehr.

 „A Quiet Passion ist nicht einfach berührend und bewegend, sondern selbst tief berührt und bewegt. Von einer Frau, die das Leben begehrt und zugleich fürchtet, die es sich auf existenzielle Weise „zu Herzen nimmt“. Und das auch nicht ändern kann. Selbst als sie längst weiß, wohin das führen wird.“ Till Kadritzke, critic.de

'Hope' is the thing with feathers—
That perches in the soul—
And sings the tune without the words—
And never stops—at all—

And sweetest—in the Gale—is heard—
And sore must be the storm—
That could abash the little Bird
That kept so many warm—

I've heard it in the chillest land—
And on the strangest Sea—
Yet, never, in Extremity,
It asked a crumb—of Me.

Emily Dickinson

A QUIET PASSION lief nicht im Wettbewerb, aber ich konnte auch drei Wettbewerbsfilme sehen:

FUOCOAMMARE (Italien/Frankreich 2015) von Gianfranco Rosi, eine starke Dokumentation über die Bewohner und die Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa, der recht hoch gehandelt wird, was die Vergabe der Bären angeht, und der beim zweiten Screening (ohne Anwesenheit der Filmemacher) im Friedrichstadt Palast sehr viel Beifall des Publikums erhielt.

BORIS SANS BÉATRICE (Kanada 2016) von Denis Côté. Zwar faszinieren mich Côtés Dokumentationen BESTIAIRE und QUE TA JOIE DEMEURE erheblich mehr, doch auch dieser Spielfilm über den reichen und arroganten Boris, dessen Gewissen sich meldet, das er auf Dauer nicht unterdrücken kann, ist durchaus sehenswert und stellt die richtigen Fragen. Auch wenn die Veränderung, die Boris widerfährt, ein wenig unrealistisch wirkt. 

SOY NERO (D/F/Mex 2016) von Rafi Pitts. Weltpremiere im Rahmen des Berlinale Wettbewerbs, im Berlinale Palast gesehen. Es geht um den jungen Mexikaner Nero, der US-amerikanischer Staatsbürger werden möchte und dieses schließlich nur erreichen kann, wenn er Soldat für die US-Army wird. Pitts lässt viel aus und hängt drei Episoden lose aneinander. Vielleicht leidet darunter die Dramaturgie, jedenfalls ließ mich der Film seltsam kalt. Fast langweilig. Schade bei dem Thema.
INDIGNATION (USA 2016), Regiedebüt des Produzenten und Drehbuchautors James Schamus nach einem Roman von Philip Roth. Konventionell erzählt, aber mit einigen herausragenden Szenen, vor allem dem Gespräch des jungen Protagonisten Marcus mit dem Dekan des Colleges (Tracy Letts – klasse!), das fast fünfzehn Minuten dauert. Die aber haben es in sich. Insgesamt ein sehr guter Film, der mir wirklich gefallen hat!
INVENTION (Kanada/Großbritannien 2015) von Mark Lewis. Faszinierende Reise durch Stadtlandschaften (Toronto, Paris und Sao Paulo) ohne Ton (lediglich ein Einsatz von Musik zu Beginn und am Ende). Tolle Bilder und ein verblüffendes Ende, zu sehen auf der Riesenleinwand des Cinestar IMAX. Mich hat dieser Film sehr beeindruckt.
ELIXIR (Russland 2016), den ich auf der riesigen Leinwand des Cinestar IMAX ansehen konnte und über den der Regisseur Daniil Zinchenko (mit dunkler Sonnenbrille, weil er nach eigener Aussage nicht so viele Leute ansehen könne) selbst sagte, das sei die Zukunft des Kinos. Es ist ein Film, bei dem viele der Besucher nach kurzer Zeit den fast komplett gefüllten Saal verließen und den sich sicherlich fast alle Menschen, die ich persönlich kenne, niemals freiwillig ansehen würden. Ich habe durchgehalten (der Film ist auch nicht allzu lang) und lasse mich auch gern immer wieder auf alle möglichen filmischen Experimente ein, denn interessant ist das schon und es gibt eine Menge Bilder in diesem Film, die im Kopf bleiben, auch wenn sich mir die Aussage des Films nicht so ganz erschließen wollte. Aber nur mit Filmen dieser Art wird weder die Berlinale noch das Kino überleben. Dazu bedarf es dann wohl doch anderer Filme. Man wird die Mehrheit der Kinobesucher nicht zur Begeisterung für experimentelle Filme wie ELIXIR erziehen. Ich denke, man muss es auch nicht, denn Kino hat auch etwas mit Träumen und Flucht aus dem Alltag zu tun, mit purer Unterhaltung und ist nicht nur intellektueller Genuss. Auch wenn ein wenig von Letzterem nicht schaden kann ….
COSMOS (Frankreich 2015), filmische Farce des kürzlich verstorbenen polnischen Filmemachers Andrzej Żuławski, gesehen im Rahmen der WOCHE DER KRITIK BERLIN. Bewusst künstlich mit expressionistischem Schauspiel, gefilmt in sinnlichen Farben.

Andrzej Żuławski hat mal Folgendes formuliert: “As far as I’m concerned, I don’t make a concession to viewers, these victims of life, who think that a film is made only for their enjoyment, and who know nothing about their own existence.” Von dieser Aussage dürften sich die meisten Menschen, die sich lieber Unterhaltungsfilme anschauen, wohl kaum beleidigt fühlen, genauso wenig, wie sie sich Żuławskis Filme, beispielsweise auch COSMOS, ansehen würden. Ob ihrem Leben damit etwas fehlt, darf man bezweifeln. Und wie man sein Leben lebt und welche Filme man sich im Kino anschaut, kann glücklicherweise jeder für sich selbst entscheiden. Żuławski schauen dann eben viel weniger Menschen als Tarantino. Ist damit die Welt verloren? 
Für meinen Geschmack, der gern durch Filme unterschiedlichster Art bedient wird, scheint es eine sehr gute Berlinale 2016 (gewesen) zu sein. Kino ist für mich in erster Linie ein visuelles Erlebnis, womit ich Filmen, die eher für den Fernseher produziert wurden (bei den deutschen Produktionen ist das ja leider häufiger so) nicht prinzipiell aus dem Wege gehe, aber sie müssen dann schon eine interessante Geschichte erzählen und sich nicht nur auf die manchmal doch eher kleinen Probleme der Nachbarn von nebenan beziehen. Und wenn doch, dann könnte man vielleicht mal große Bilder wagen, die der Kinoleinwand gerecht werden. Das, fürchte ich, ist zumindest einigen der deutschen Beiträge bei der Berlinale eher nicht gelungen. Ich muss mich da jedoch darauf verlassen, was ich von Filmkritikern beispielsweise über die Sektion Perspektive Deutsches Kino gelesen habe, denn ich habe, durchaus bewusst, auf Filme in dieser Sektion verzichtet. Für unsere Filmreihe DaF schien mir schon im Vorfeld nichts dabei zu sein. Da habe ich dann lieber A QUIET PASSION geschaut.

Unter den Filmen, die ich sehr gern gesehen hätte, aber leider nicht einbauen konnte, ist dann mit Philip Scheffners HAVARIE (Deutschland 2016) wenigstens ein deutscher Beitrag dabei.

Weitere Werke, denen ich einen Kinostart wünsche (auch um diese dann selbst ansehen zu können), habe ich im Folgenden aufgeführt. Die Links führen zu den jeweiligen Einträgen auf der Webseite der Berlinale.


HOMO SAPIENS von Nikolaus Geyrhalter (Österreich 2016). Den will ich unbedingt sehen!

UNCLE HOWARD (GB/USA 2016) von Aaron Brookner

MILES AHEAD (USA 2015) von Don Cheadle

Ich vermute, es würden mir noch eine Menge mehr einfallen ….

Lob für den großen Fleckenteppich Berlinale gab’s auch von Lukas Foerster auf Perlentaucher. Für meinen Geschmack hat er recht. Wenn‘ s nur nicht so schwierig wäre, von Hamburg aus an Tickets für die Filmvorstellungen zu kommen ….

Zum Schluss empfehle ich einen Blick in den BERLINALE-KRITIKERSPIEGEL von critic.de und Perlentaucher: 

"Wenn ein Mensch in seinen Gefühlen von der Realität beleidigt wird, will er, dass neben den Tatsachen seine Träume auch ein Recht haben. Es ist etwas Schönes, wenn ich eine Erfahrung, die mich quält und die ich im Augenblick für unveränderbar halte, verlasse und in eine andere Erfahrung eintauche. Das passiert, wenn wir träumen oder wenn wir ins Kino gehen. Oft haben wir dann beim Wiedereintritt in die Wirklichkeit die Lösung für ein scheinbar unlösbares Problem. Wir haben sie im Traum gefunden." Alexander Kluge


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