Samstag, 10. November 2012

Verklärter Herbst



Solche Bilder malt nur der Herbst (wenn denn mal die Sonne scheint). Aufgenommen in Hamburg im Naturschutzgebiet EPPENDORFER MOOR. Mehr Infos zum Eppendorfer Moor, das selbst viele Hamburger offenbar nicht kennen (was man unbedingt ändern sollte), gibt es hier:  Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Und hier gibt es ein Gedicht von Georg Trakl über den schönen Herbst: 

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten,
rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter,
wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl
(Gedichtausgabe 1913)

Und auch wir versüßen den Herbst am kommenden Mittwoch (14.11.) um 19 Uhr im Metropolis mit unserem Film DER LETZTE SCHÖNE HERBSTTAG. Hier gibt es unseren Veranstaltungshinweis: Filmteam Colón auf Facebook

Mittwoch, 7. November 2012

Esin Senesins Geschichte WAS IST LOS, MEINE TAUBEN???



Esin Senesins Geschichte WAS IST LOS, MEINE TAUBEN??? (ADEMS TAGEBUCH), die sie anlässlich der Filmvorführung von ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND in unserer Reihe DaF am 18. Januar 2012 im Metropolis-Kino Hamburg vorgetragen hat.



WAS IST LOS, MEINE TAUBEN??? (ADEMS TAGEBUCH)
Geschrieben von Esin Senesin

12.06.1972
Hallo mein liebes Tagebuch…Heute bin ich unglaublich glücklich.
Ich wachte früh am Morgen auf, weil heute meine Mutter, mein Vater und meine Schwester aus Deutschland kommen. Sie bleiben jeden Sommer 5-6 Wochen in der Türkei. Ich erzählte dir das schon. In der Türkei lebe ich bei meinem Großvater. Mein Vater wollte mich in der Türkei aufwachsen lassen, damit ich die türkische Kultur kennen lerne. Ich bin jetzt 8 Jahre alt. Ich wollte mich nicht von meiner Familie trennen. Okay, dann .. Später kann ich darüber schreiben. Hmm.. Was bringt mein Vater wohl für mich mit??? Was denkst du?

19.07.1972
Hiiiii mein Tagebuch. Ich weiß!! Ich habe dir seit 5 Wochen nicht geschrieben, weil ich keine Zeit hatte. Meine Familie war hier. 5 Wochen vergingen sehr schnell. Die Zeit der Trennung kam. Ein letztes Mal umarmte ich meine Mutter. Mein Großvater sagt mir immer: „Männer weinen nicht.“ Ich habe mich daran gehalten und nicht geweint:(((

23.07.1972
Hallo!!!! Heute habe ich ein schönes Geschenk von meinem Großvater bekommen. Ich habe, seitdem meine Familie gegangen ist, nicht gerne gegessen und nicht mehr mit ihnen geredet.
Deswegen ist mein Großvater mit einer großen Box in den Händen gekommen. Darin waren 6 weiße Tauben. Ich und mein Großvater haben auf der Terrasse einen Käfig aufgebaut. Bevor ich zur Schule gehe, füttere ich sie. Nach der Schule komme ich schnell nach Hause. Ich bin sehr glücklich!!!

04.08.1972
Heute Morgen wachte ich wie jeden Tag früh auf. Ich habe die Stimmen meiner Tauben gar nicht gehört. .Das war komisch. ich bin schnell auf die Terrasse gegangen. Ich habe angefangen aus beiden Augen wie aus zwei Brunnen zu weinen, weil die Katze meiner Nachbarn 2 von meinen Tauben gefressen haben soll… Die anderen 4 Tauben sollen vor der Katze geflohen sein. Mein Großvater umarmte mich und er hat schnell sein Gewehr genommen und diese Katze erschossen. Heute war ein sehr schlechter Tag für mich. Ich möchte schlafen und alles vergessen!!

12.08.1972
Hallo mein Buch. - Mein Großvater hat einen Brief an meinen Vater geschickt. Er schrieb darüber, dass ich sehr traurig bin und ich nichts esse. Er wollte, dass mein Vater mich nach Deutschland holt. 3 Tage später ist mein Vater gekommen. Ich bin ganz aufgeregt, weil ich zum ersten Mal in einem Flugzeug bin. Deutschland wartet auf mich. Adem kommt!!!

13.08.1972
Ich habe im Flugzeug geschlafen. Wir haben unsere Koffer abgeholt und sind in ein Taxi eingestiegen, das uns vom Flughafen bis zu unserer Wohnung gefahren hat. Mein Großvater erzählte mir oft etwas über deutsche Menschen. Sie sind sehr groß wie Riesen und sie haben große Augen und lange Füße. Ich habe entlang des Weges meine Umgebung beobachtet. Aber ich sah keine Riesen. - Draußen ist es sehr dunkel geworden, denn wir sind um 12.00 Uhr eingetroffen. Meine Schwester hat schon geschlafen. Sie haben nicht auf mich gewartet. Ich schlafe bestimmt sofort ein, weil ich sehr müde bin….

14.08.1972
Hallo mein Tagebuch!! Heute bin ich um 5 Uhr aufgestanden. Ich erinnerte mich daran, dass in Deutschland aus jedem Leitungshahn Cola und Orangensaft fließen. Ich bin sofort in die Küche gegangen und habe einen Leitungshahn aufgemacht. Aber da kam weder Cola noch Orangensaft.

15.08.1972
Heute war es sehr schön für mich. Ich habe viele Kinder getroffen. Mein Vater hat mir einen Lederball mitgebracht. Durch meinen Ball habe ich viele Freunde kennen gelernt. Die Nachbarskinder haben meinen Ball gesehen und sind sofort zu mir gekommen. Sie sind schon hier geboren, deswegen sprechen sie gut deutsch. Sie haben mir 2 Sätze beigebracht. Wenn mich jemand auf der Straße oder irgendwo anders etwas fragt, kann ich mit diesen Sätzen antworten: “Ich verstehe Sie nicht“ oder „Ich kann kein deutsch sprechen.“ Aber ich habe eine bessere Lösung gefunden. Damit sie mir keine Fragen stellen, richte ich meine Augen immer zum Boden.

20.09.1972
Heute habe ich mit der Schule angefangen, um gut deutsch sprechen zu lernen. Das war sehr lustig. Ich habe noch viele neue Freunde kennen gelernt. Ich habe viele Hausaufgaben zu erledigen. Tut mir leid, ich kann mir nicht viel Zeit für dich nehmen. Tschüss!!

22.12.1972
Wir waren mit meiner Lehrerin auf einer Weihnachtsfeier. Es gab viele Süßigkeiten. Das waren Schweinsfiguren aus Marzipan. Wir haben gedacht, dass alle Süßigkeiten aus Schwein gemacht worden sind. Deswegen haben ich und meine 3 türkischen Freunde gar nichts gegessen. Viele Versuche meiner Lehrerin blieben erfolglos. Sie konnte uns nicht überzeugen. Ich wollte diese Süßigkeiten gerne essen. Das hat sehr lecker ausgesehen. Aber ich wurde von meinen Freunden beeinflusst. Ich hatte das Gefühl, ich bin blöd!! Ich habe eine gute Nachricht. Ich habe ein Stück Schokolade in meine Tasche hinein getan. Niemand hat mich gesehen. Jetzt esse ich das!!!:)))Gute Nacht mein Tagebuch!

02.01.1973
An Silvester habe ich mit meinem Kumpel viele Raketen mit einer Gaspistole abgeschossen. Eine von unseren Nachbarinnen hat uns gesehen und bei der Polizei angerufen. Die Polizei hat uns erwischt und uns auf die Wache mitgenommen. Die Polizisten wollten unbedingt wissen, wo die Pistole geblieben ist. Sie fragten mich: “Wo ist der Ballermann“. Ich antwortete: “Wir waren nur zwei. Ballermann war nicht dabei.“ Ich kannte viele Bezeichnungen für PISTOLE: Waffe, Knarre, aber ich habe bis dahin nicht gewusst, dass Ballermann dazu gehört. Mein Vater hat mich von der Wache abgeholt. Bis zu unserer Wohnung hat er nichts gesagt. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich glaube, dass ich meinen Vater traurig gemacht habe!!! Blöder Adem!!!

08.01.1973
Heute war es regnerisch. Trotzdem habe ich mich mit meinem Freund getroffen. Wegen des starken Regens haben wir uns verlaufen. Alle Wohnungen sind ganz ähnlich. Wir entschlossen uns, ein bisschen zu warten. Dann haben wir eine Kirche gesehen. Viele Leute sind dahin gegangen. Das ist ein guter Warteplatz. Wir sind sofort hineingegangen. Es gab eine Beerdigung. Mein Freund hat mich angeguckt und dann mussten wir plötzlich lachen. Ich wollte mit meinen Händen mein Gesicht verdecken, denn ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Aus meinen Augen sind Tränen gekommen wegen des Lachens. Ich habe bis 3 gezählt, dann sind wir sofort nach draußen gelaufen. Immer wenn ich mich verlaufe und meine Wohnung nicht mehr finde, gehe ich zum Hauptbahnhof zu den drei Stein-Lämmern. Von dort finde ich nach Hause. Heute bin ich sehr nass geworden. Ich habe ein bisschen Fieber und ich bin sehr müde. Gute Nacht mein Freund!

14.02.1973
Mein Freund, manchmal gucke ich zum Himmel. Vielleicht sind mir meine Tauben bis nach Deutschland gefolgt. Müssen sie auch Deutsch lernen, um hier miteinander zu sprechen? :)





Montag, 5. November 2012

Reginas Begegnung mit „Zwölf Stühlen“


Reginas Begegnung mit „Zwölf Stühlen“

Nach dem tollen Eröffnungsfilm der Werkschau der deutschen Regisseurin Ulrike Ottinger UNTER SCHNEE im Metropolis hatte ich am Sonntagabend die Gelegenheit, mir mit ZWÖLF STÜHLE einen weiteren Film der 1942 in Konstanz geborenen Filmemacherin, Fotografin, Hörspielautorin, Theater- und Opernregisseurin  anzusehen. 

Der Film ZWÖLF STÜHLE beruht auf dem berühmten russischen Roman mit dem gleichen Titel von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow aus dem Jahr 1928. Ulrike Ottingers Film hält sich, soweit ich es beurteilen kann (ich habe den Roman niemals gelesen), relativ nah an der Vorlage und wartet mit, wie von Ottinger bekannt, wundervollen Bildern auf. Ottinger hat den Film in russischer und deutscher Sprache gedreht: Sämtliche Dialoge sind russisch (mit deutschen Untertiteln), der Off-Text ist deutsch gesprochen, was mir ausgesprochen gut gefallen hat. Hinzu kommen ausgezeichnete Schauspieler, wobei mir die Figur des smarten Ganoven Ostap Bender ganz besonders viel Freude bereitete. 

Herrlich war auch die Vermischung der eigentlichen Handlung im Russland nach der Oktoberrevolution mit einer teils neuzeitlichen Kulisse, durch die Statisten in moderner Kleidung des 21. Jahrhunderts schritten und beispielsweise Graffiti mit dem Batman-Konterfei an einer Wand prangte. Ein Film, den man eigentlich mindestens noch ein zweites Mal ansehen sollte, um noch mehr Anspielungen entdecken zu können. Leider hat das Metropolis-Kino ihn während der Werkschau Ulrike Ottingers nur einmal im Programm, so dass man auf eine spätere Chance hoffen muss, denn im Falle einer so großartigen 35mm-Kopie, in der der Film am Sonntag im Metropolis vorgeführt wurde, gibt es einfach überhaupt keine Alternative zur großen Kinoleinwand. Aber die gibt es ja ohnehin niemals. 

Mein Fazit: Ein wirklich beeindruckender und sehr vergnüglicher Film, genau das Richtige für einen trüben Novemberabend und mit 197 Minuten, die wie im Fluge vergingen, keineswegs zu lang. Auch wenn mir als Deutsche sicher einige Seitenhiebe auf das sowjetische System entgangen sein mögen, so konnte ich doch eine Menge des Spotts in dieser Gaunergeschichte genießen. Es ist wohl an der Zeit, endlich einmal den Roman zu lesen, den mir russische Schüler schon des Öfteren empfohlen haben.

 „Der Film ZWÖLF STÜHLE verknüpft in spektakulärer Weise die Dramaturgie einer Schatzsuche und Verfolgungsjagd mit einer dichten Bilderwelt von Personen und Orten. Er erzählt zugleich von gestern und heute, von der Realität der Menschen in den GUS-Staaten und vom Allgemeinmenschlichen unseres eigenen Handelns. Große gesellschaftliche Utopie vermischt sich so mit der individuellen Hoffnung auf das ganz persönliche Glück, sei es durchs Geld oder in der Liebe. ZWÖLF STÜHLE gelingt es, eine witzige, tragische und humane Welt zu zeigen: Sie ist immer zugleich großer Entwurf und zusammengeflickte Existenz.“
Text zum Film von Ulrike Ottinger

Die Werkschau Ulrike Ottinger läuft noch bis zum 27.11.2012 im Metropolis-Kino und es gibt noch einige andere Filme zu entdecken: Metropolis Kino Hamburg

(Eine begeisterte Regina)



Sonntag, 4. November 2012

MUTE - The visualization of an economic rape



 MUTE - THE VISUALIZATION OF AN ECONOMIC RAPE

Ein Kurzfilm, der die (soziale) Krise in Griechenland in sieben Minuten nachhaltig in Bilder fasst und der Krise in Griechenland ein Gesicht gibt. Die Finanzkrise ist eben nicht nur eine ökonomische Katastrophe, sondern auch eine soziale: 
MUTE - THE VISUALIZATION OF AN ECONOMIC RAPE 
(Länge: 7 Minuten)

Ein Film von Yiannis Biliris, geboren 1980 in Athen, Griechenland



“Without too many words. Or even better, no words at all. Mute is answering in the following questions: Which is the picture of the Greek crisis? What’s its colour? An economic rape that then turns to a social one.”




Impressionen vom Filmfest Hamburg 2012