Susanne Kaschdailis (genannt Suse) ist 32 Jahre alt und seit 2008
Filmvorführerin im Metropolis-Kino in Hamburg. Sie ist in
Mecklenburg-Vorpommern geboren und aufgewachsen, ihre Eltern stammen jedoch aus
Litauen. Suses Muttersprache ist Deutsch, Litauisch spricht sie eigenen Angaben
zufolge nicht sehr gut, versteht die Muttersprache ihrer Eltern allerdings
einwandfrei und kann auch litauische Texte lesen.
Suse hat Psychologie, Soziologie und Medienwissenschaften studiert und übt
neben ihrer Tätigkeit im Metropolis-Kino noch mehrere andere Tätigkeiten auf
freiberuflicher Basis aus, so z.B. als Lehrerin in einer Ganztagsschule, in der
sie nachmittags Kunst- und andere Projekte leitet. Aktuell arbeitet sie dort
auch an einem Filmprojekt, bei dem die Schüler Filme mit ihren Handy-Kameras
drehen werden.
Daneben trägt Suse auch bei Veranstaltungen Kurzgeschichten und Gedichte von
z.B. Kurt Tucholsky, aber auch eigene Arbeiten, vor. Auch als Straßenkünstlerin
ist sie gelegentlich tätig und macht zudem Puppentheater, bei dem angefangen
bei den Geschichten bis hin zu den Puppen und ihren Kleidern alles in
Eigenarbeit entstanden ist. Dieses wirklich tolle Puppentheater kann man
übrigens buchen. Bei Interesse wendet euch gern an folgende E-Mail-Adresse:
susannekaschdailis@googlemail.com
Filmteam Colón:
Suse, du bist Filmvorführerin u.a. im Metropolis-Kino. Wie bist du zu diesem
Beruf gekommen und hast du den Beruf gelernt? Kann man diesen Beruf überhaupt
lernen und wenn ja, wo lernt man das Filmvorführen?
Suse:
Filmevorführer kann man heutzutage leider nicht mehr lernen. Das ist ein
ausgestorbener Beruf. Es ist kein Lehrberuf mehr, bis in die 80er Jahre konnte man
das noch lernen. Da konnte man noch einen staatlich anerkannten Vorführschein
machen und musste eine Vorführprüfung ablegen. Heute ist es eher so, dass der
Filmvorführer angelernt wird, d.h. er geht in ein Kino und lernt dort, je nach
technischem Vermögen, maximal ein halbes Jahr, was allerdings schon ziemlich
lang ist, die Kunst des Vorführens. Ich selber habe das vor ca. neun Jahren in
Lübeck gelernt. Da habe ich im 2,50-Kino angefangen, das zur Cinestar-Kette
gehörte und ein kleines Alternativkino war. Der Eintritt hat tatsächlich nur
2,50 € gekostet. Dort hatte ich eine Chefin und die wollte unbedingt eine Frau
im Vorführraum haben und sie fragte mich, ob ich das nicht lernen wolle. Ich
war damals Anfang zwanzig, also noch blutjung. Und da ich immer offen für neue
Sachen bin, habe ich zugesagt und wurde dort dann an den Beruf der
Filmvorführerin herangeführt. Ich habe etwas über drei Monate gelernt und habe
danach dann selbständig gearbeitet.
Filmteam Colón:
Ist Filmvorführerin so etwas wie dein Traumjob?
Suse:
Traumjob? Die Frage nach dem Traumjob ist wohl generell schwierig zu
beantworten. Als ich zwölf war, wollte ich Tierärztin werden, und jetzt bin ich
Filmvorführerin. Ich habe eigentlich keinen richtigen Traumjob, ich mache alles
sehr gerne. Mich interessieren unheimlich viele Dinge und wie die Henne zum Ei
kommt, so bin ich halt zum Filmvorführen gekommen, es ist reiner Zufall
gewesen. Aber über diesen Zufall hinaus hat sich eine Passion bei mir
entwickelt, sich mit dem Material auseinanderzusetzen, mit der Technik, mit den
Maschinen, in dieser Zauberkammer zu sitzen und Filme vorzuführen. Und in
diesem Sinne würde ich sagen, dass es eine Art Traumjob ist, weil er ganz viele
meiner Fähigkeiten und Interessen anspricht.
Filmteam Colón:
Wie sieht denn so ein Arbeitstag beispielsweise im Metropolis-Kino für dich
aus? Im Metropolis werden die meisten Filme ja nicht als DVD in einen Player
geworfen und dann per Beamer an die Leinwand projiziert, sondern ihr verwendet
zumeist 35mm-Filme. Nun stellt sich der Laie wohl oft vor, dass der
Filmvorführer die Filmrolle auf die Spule setzt und fertig. Aber ein Film wird
in mehreren Teilen geliefert. Wie viele Filmrollen sind es denn für einen
90minütigen Film und was ist die Aufgabe der Filmvorführerin, damit der
Zuschauer den Film im Ganzen ohne Pausen sehen kann?
Suse:
Diese Frage ist relativ komplex und sie ist relativ komplex zu beantworten. Zum
Ablauf: In der Regel fange ich um 16 Uhr im Metropolis-Kino an, um 17 Uhr soll
ja der erste Film laufen. Dann schließe ich zunächst alles an, schalte die
Hauptsicherung ein, damit die Geräte laufen und dann sehe ich nach, was für ein
Film laufen soll, denn im Metropolis-Kino laufen ja täglich andere Filme. Wenn
ich Glück habe, dann hat der Kollege vom Vortag den Film schon vorgeführt und
ich muss den Film nur noch zurückspulen und einlegen, und wenn ich Pech habe,
dann muss ich mir den ersten Karton für den ersten Film schnappen und ihn
aufbauen. Während der erste Film läuft, bereite ich den zweiten Film des Abends
vor und während der zweite Film läuft, bereite ich den dritten Film vor. Die
Filme, die gelaufen sind, baue ich wieder ab und verpacke sie, damit sie am
nächsten Tag wieder verschickt werden können.
Das Metropolis-Kino ist wegen seiner Vorführtechnik nicht irgendein Kino, es
ist kein Multiplex-Kino, sondern es ist ein Archivkino. Wie unser alter
Geschäftsführer Heiner Ross immer zu sagen pflegte: „Es ist eine Abspielstätte
für die Kunstform Film.“ Das heißt, wir haben ein sehr ausgewähltes Programm
und bekommen ganz viele Filme aus den Archiven, bundesweit, international.
Ein Archivfilm besteht in der Regel aus sechs Akten (Bobbys), bei einem
90minütigen Film bedeutet das, dass eine Rolle etwa 20 Minuten des Films
umfasst. Ein kompletter 35mm Film hat in etwa eine Länge von 2000 Metern. Die
Filme müssen sehr sorgsam behandelt werden und wir prüfen sie. Wir spulen sie
einmal von dem Bobby auf eine Metallspule auf, die fasst ca. 500 Meter, und
jeder Millimeter eines Films läuft durch meine Finger, genauer gesagt zwischen
Zeigefinger und Daumen. Sobald ich merke, da ist eine kleine Unebenheit, halte
ich den Umspuler an und schaue mir diese Unebenheit an. Da kann eine
Klebestelle sein, da kann ein Riss in der Perforation sein, also irgendeine
Form von Schaden, und diesen Schaden muss ich überprüfen. Man muss sich
vorstellen, es laufen 24 Bilder pro Sekunde, 24 Bilder pro Sekunde braucht das
menschliche Auge, um ein einziges Bild zusammenzusetzen. Diese Bilder sind
getrennt durch Bildstriche und diese müssen exakt aneinander sein. Sind sie
nicht exakt aneinander, habe ich einen Versatz, den man dann natürlich auf der
Leinwand sieht. Also muss ich prüfen, ob das alles richtig ist. Ist das nicht
der Fall, muss ich es reparieren. Die Perforation an beiden Seiten (die kleinen
Löcher) muss in jedem Fall immer in Ordnung sein, denn an diesen Stellen wird
der Film durch die Maschine geführt. Und wenn die Perforation kaputt ist, dann
kann der Film hängen bleiben und geht in der Maschine kaputt.
Beim Metropolis-Kino arbeiten wir mit analoger Technik, 35mm, 16 mm, manchmal
8mm. Wir zeigen natürlich auch digitale Filme, aber der überwiegende Teil ist
35mm, was heutzutage nicht mehr handelsüblich ist.
In den Cineplexen wird digital vorgeführt, das Metropolis-Kino arbeitet jedoch,
wie es schon seit 100 Jahren in der Kinotechnik üblich ist, mit zwei
Projektoren, d.h. wir überblenden, was viele vielleicht aus dem Film FIGHTCLUB
kennen, da in dem sie es „cigarette burns“ nennen. Es gibt oben rechts in der
Ecke kleine Zeichen, die sind immer nur ganz kurz zu sehen. Aber wenn man im
Kino darauf achtet, und auch im Fernsehen, kann man das bei alten Filmen
manchmal sehen. Und wenn diese kleinen Zeichen auftauchen, dann weiß der
Filmvorführer, dass er die zweite Maschine starten muss. Von diesen
Überblendzeichen gibt es zwei Stück, am Ende jeder Rolle, jedes Aktes. Wenn das
erste Zeichen kommt, starte ich meine Maschine, kommt das zweite Zeichen, dann
mache ich die Bildklappe auf, und bei dem anderen Projektor, der zuerst
gelaufen ist, schließt sich diese automatisch. Wenn ich gut überblende, bekommt
der Zuschauer es nicht mit, wenn ich schlecht überblende, dann hat der
Zuschauer ein bisschen schwarz dazwischen.
Filmteam Colón:
Siehst du dir die Filme, während du sie vorführst, bewusst an? Ist das
überhaupt möglich von eurem Vorführraum aus, denn dort müsstest du wohl vor der
Glasscheibe stehen? Nicht sehr komfortabel, würde ich sagen.
Suse:
Während man im Metropolis-Kino vorführt, guckt man sich die Filme nicht an. Das
schafft man wegen der Arbeit einfach nicht. Man muss halt ständig irgendwelche
Filme vorbereiten, die Filme wieder abbauen, dadurch, dass wir überblenden,
muss man immer wieder neu einlegen, zurückspulen, und, und, und. Manchmal wenn
ich wirklich sehr viel Lust auf einen Film habe, dann fange ich extra früher
an, damit ich mehr Zeit habe, die Filme vorzubereiten und früher fertig bin, so
dass ich während des Abspielens den Film, so gut es geht, mitgucken kann. Wenn
ich aber einen Film unbedingt sehen will, dann gehe ich selber als Gast ins
Metropolis, denn es ist einfach etwas anderes, wenn man im Saal sitzt und
dieses Kinoerlebnis hat, anstatt hinten im Vorführraum neben diesen lauten,
ratternden Maschinen zu hocken.
Filmteam Colón:
Gehst du in deiner Freizeit noch ins Kino?
Suse:
Ich gehe nicht wirklich oft ins Kino. Ich finde, dass das, was heutzutage an
Filmen produziert wird und herauskommt, doof ist, anders kann ich das
eigentlich gar nicht sagen. Eigentlich ist es erbärmlich. Zudem finde ich es
unheimlich langweilig, wenn die Filme X Wochen laufen und immer wieder derselbe
Film. Vor allem in Hamburg laufen in allen Kinos dieselben Filme. Den einzigen
Unterschied macht vielleicht noch das Abaton, wo man die Filme im Original mit
Untertiteln ansehen kann. Mich reizt die Kinolandschaft einfach nicht. Es gibt
wenige Sachen, bei denen ich sage, das muss ich unbedingt sehen. Ich muss nicht
noch einmal PLANET OF THE APES sehen, da leihe ich mir lieber die DVD des Films
aus den 70ern aus. Wenn mich etwas wirklich interessiert, dann ist es wirklich
meistens im Metropolis, denn das Metropolis hat einfach ein sehr
abwechslungsreiches Programm. Bei uns laufen viele unterschiedliche Filme.
Obwohl ich zugeben muss, dass ich mir auch den neuen Woody Allen Film angeguckt
habe, den ich auch wirklich empfehlen kann, MIDNIGHT IN PARIS. Aber was im
Cinemaxx Dammtor läuft, interessiert mich nicht. Dann einige wenige Filme, die
im Zeise laufen, aber ich sehe mir sie nicht gern in der deutschen
Synchronisation an, denn dafür gibt es deutsche Filme. Ich sehe Filme viel
lieber in Originalsprache und mit Untertiteln.
Filmteam Colón:
Die meisten Filmvorführer werden abends arbeiten. Ihr habt also fast immer
Spätschicht. Ist das schwierig für die Aufrechterhaltung des Freundeskreises
und wirkt sich das auf das Familienleben aus?
Suse:
Mit dem Freundeskreis gibt es überhaupt keine Probleme. Der Freundeskreis
findet das total super, und nutzt das für sich auch einigermaßen aus, dass ich
da im Metropolis arbeite und sie kommen gerne vorbei, genau wie jemand, der in
einer Kneipe arbeitet, dort Besuch von seinen Freunden bekommt. Familienleben
und Partnerschaft, das macht schon eher mal ein Problem. Mein Partner arbeitet
tagsüber, und ich bin dann eben abends weg, und dann sind die Zeiten, die man
gemeinsam hat, doch eher wenig. Ich komme dann in der Regel gegen Mitternacht,
um eins, manchmal später nach Hause, und dann schläft er schon. Und dann steht
er morgens früh auf und ich schlafe noch. Da muss man aufpassen, dass man nicht
aneinander vorbeilebt.
Filmteam Colón:
In jedem Beruf passieren Fehler. Was sind die Albtraumpannen für Filmvorführer?
Suse:
Der schlimmste Fehler, der einem Filmvorführer passieren kann und wohl der
Albtraum für jeden Filmvorführer, zumindest wenn man so arbeitet, wie wir im
Metropolis-Kino arbeiten, ist Akte zu vertauschen, beispielsweise dass man nach
Akt 3 nicht Akt 4 zeigt, sondern Akt 6. Dadurch dass man halt nicht alle Filme
kennt, weiß man nicht immer genau, ist das jetzt richtig so oder ist das jetzt
falsch. Und dann sitzt man manchmal mit einem etwas mulmigen Gefühl da oben,
und weiß nicht, ob das jetzt stimmt oder nicht. Das ist wohl ein
Alptraumfehler, der jedem Filmvorführer schon mal passiert ist. Mir ist das
auch schon passiert. Da kann man gelassen bleiben, kann aber auch panisch
werden, je nach Naturell. Ich liege irgendwo dazwischen, zwischen Panik und
cool bleiben.
In den großen Kinos, in denen noch 35mm gezeigt wird, ist wohl der Alptraum
STEUERKOPFUMWICKLUNG. Dort laufen die Filme auf einem großen Teller, in der
Mitte ist ein Steuerkopf, der den Film vom Teller wegleitet, in Richtung
Projektor. Und diese Steuerköpfe sind halt unglaublich anfällig, und zwar
dafür, dass sich der Film um sie herumwickelt. Es ist unglaublich nervig, dass
dann wieder zu entwirren.
Ein anderer Alptraumfehler, bedingt dadurch, dass es sehr viel Material ist,
ist dann gegeben, wenn einem der Film runterfällt. Dann hat man plötzlich 500
Meter Film, extrem dünnes Material, das sich auf dem Boden ungleichmäßig
abwickelt – und das muss man jetzt wieder irgendwie aufwickeln. Das ist mir
auch schon alles passiert. Man ist nie gefeit vor Fehlern, und Fehler gehören
mit dazu, man lernt aus ihnen, wie in jeder Situation im Leben. Auch der
Filmvorführer lernt aus den Fehlern, die er macht. Obwohl wir natürlich im
Metropolis den Anspruch haben, keine Fehler zu machen. Aber so ist das nun mal,
Fehler passieren.
Filmteam Colón:
Was liebst du an deinem Beruf am meisten?
Suse:
Für mich persönlich ist das Schönste an dem Beruf, dass ich da in einem
Suse-Kosmos arbeite. Dadurch, dass ich allein im Vorführraum bin, bei gedimmten
Licht, die Maschinen rattern so vor sich hin, ein bisschen gedämpfter Ton, der
vom Saal durch die Lautsprecher kommt, und ich bastele dann vor mich hin, baue
die Filme auf, baue die Filme ab, das ist schon fast eine Art Meditation. Und
das ist das Schönste für mich.
Filmteam Colón:
Mit welchem Filmformat arbeitest du am liebsten? Es gibt Filme auf 8mm, 16mm,
35mm und 70mm und natürlich neuerdings auf DVD. Könntest du uns auch kurz die
Unterschiede erklären?
Suse:
Das herkömmliche Filmmaterial muss man sich wie einen Film vom Fotoapparat
vorstellen. Es ist ungefähr ein ähnliches Material, nur das da nicht das
Negativ, sondern schon das Positiv darauf ist. Es ist 35mm breit, entsprechend
gibt es dann 16 mm, was heute kaum noch vorgeführt wird, aber ein unglaublich
schönes Material ist, dann gibt es noch 70 mm breite Filme und außerdem solche
mit 8 mm Breite. Das sind die analogen Filmmateriale. Und da muss man auch
wieder unterscheiden, ob es ein Stummfilm ist, ob er auf Polyester gedruckt
ist, was bei den neuesten Modellen der Fall ist. Das ist eine Art Plastik, die
können nicht mehr brennen. Früher gab es die Acetatkopien, die extrem
vorsichtig behandelt werden mussten. Dieses Plastikmaterial brennt wie Zunder.
Da gibt es auch noch Lehrfilme von früher, in denen ein kleiner Junge mit einer
Filmrolle in die S-Bahn einsteigen will und vom Schaffner gefragt wird, ob er
einen Film transportiere. Und als der Junge das bejaht, gibt ihm der Schaffner
zu verstehen, dass er das im öffentlichen Raum nicht dürfe, da das Material des
Films hoch entzündlich sei.
Dann gibt es zwischen den beiden Materialien Polyester und Acetat noch viele
verschiedene Mischungen, und das nur für das analoge Filmmaterial. Beim
digitalen Material gibt es natürlich bei der schnelllebigen Technik ständig
etwas Neues. DVD kennen wohl die meisten, jetzt gibt es Blue Ray, davor gab es
dann VHS, Digi Beta, das ist im Prinzip eine kleine Version der VHS mit einer
höheren Auflösung. Dann gibt es Beta XP, ein Magnetband, auf dem Informationen
sind, die abgelesen werden, aber viel größer als eine normale VHS. Dann gibt es
Umatex, das ist ganz, ganz alt, das ist noch mal doppelt so groß wie eine Beta.
Außerdem gibt es Mini-DV, das kennt man aus den frühen Videokameras. Das sind
ganz kleine Videokassetten, die wir im Metropolis auch abspielen können. Und
was immer häufiger vorkommt, ist, dass die Leute mit ihren Computern anrücken,
die wir dann direkt an den Beamer anschließen. Dann gibt es Sachen, die uns auf
Festplatten geliefert werden und die dann über einen bestimmten Server
abgespielt werden. Bei den digitalen Materialien, und das ist wohl der Haken
bei der Digitalisierung, ist es problematisch, dass man sich nicht auf ein
Format festgelegt hat, sondern dass es eben ganz viele unterschiedliche gibt.
Ich selber bin für das analoge Material, nach wie vor, und nach Möglichkeit
eine Polyesterkopie.
Filmteam Colón:
Als ich das erste Mal im Vorführraum des Metropolis-Kinos im Savoy am Steindamm
war, war ich ziemlich überwältigt und fasziniert. Mittlerweile bin ich schon
mehrfach dort gewesen, aber der Raum hat immer noch etwas Magisches. Das kannst
du jetzt wahrscheinlich gar nicht verstehen, oder verspürst du auch immer noch
so etwas wie Ehrfurcht vor der analogen Technik, den Filmrollen, den
Filmprojektoren, die schon vor hundert Jahren die Bilder, die die Menschen so
faszinieren können, zum Laufen brachten?
Suse:
Am Anfang hatte ich Ehrfurcht vor den Filmprojektoren, aber diese extreme
Ehrfurcht ist nicht mehr da. Aber was immer noch vorhanden ist, ist die Freude,
damit zu arbeiten. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Stummfilm habe, dann muss
ich den Projektor umbauen, ich muss ihn aufschrauben, da ist eine Flügelblende
drin, die muss ich rausnehmen und eine andere Flügelblende reinsetzen. Es ist
ölig und staubig und man hat danach schmutzige Hände und ich komme mir vor wie
ein Automechaniker, aber es ist irgendwie ein ziemlich gutes Gefühl. Und
worüber ich mich immer noch freue, ist, wenn ich einen schönen alten Projektor
sehe, wie z.B. im Abaton, die haben noch den FP, 59, FP für Filmprojektor. Wir
im Metropolis arbeiten mit dem FP 20, der ein wenig moderner ist und Mitte der
60er Jahre gebaut worden ist. Der FP 59 ist Anfang der 50 er gebaut worden, das
ist noch eine ordentliche Maschine, dagegen sind die FP 20 schon viel
filigraner. Aber wenn ich vor einem solchen Gerät stehe oder auch im Filmmuseum
in Berlin, in dem man sich auch alte Filmprojektoren ansehen kann, dann pocht
mein kleines Vorführerherz auf 180 und freut sich tot.
Filmteam Colón:
Wie siehst du die Zukunft deines Berufs in Anbetracht des Digitalen Films, der
ja zukünftig den analogen Film wohl komplett verdrängen wird? Die UCI-Kinowelt
schätzt, dass bis Ende 2012 der letzte 35-Millimeter-Projektor zumindest aus
den UCI-Kinos verschwunden sein wird. Der FREITAG titelte am 30.07.2011 in
einem Artikel über die Zukunft eurer Branche im Hinblick auf die einsetzende
Digitalisierung des Kinos „Spul mir das Lied vom Tod“.
Suse:
Der Beruf Filmvorführer ist ein aussterbender Beruf, das muss man ganz klar mit
Ja beantworten. Zumindest in den kommerziellen Kinos findet die Digitalisierung
statt, so führt das Passage Kino in Hamburg rein digital vor, da gibt es
überhaupt keine 35mm Kopien mehr. Der klassische Filmvorführer, so wie ich das
mache und meine Kollegen im Metropolis, der stirbt aus. Er wird sicher erhalten
bleiben in solchen Kinos wie dem Metropolis, die halt noch Wert darauf legen,
die alte Kunst des Vorführens beizubehalten. Das ist ziemlich traurig, weil ich
den Beruf so gern mag. Vielleicht ist das der Lauf der Zeit, dass irgendwann
die Kassiererin nur noch auf den Knopf drückt und dann fängt in Kino X der Film
Y an, alles zur richtigen Zeit, mit der richtigen Werbung, mit den richtigen
Trailern und es läuft alles einfach so ab. Der Filmvorführer an sich wird eine
Rarität werden, eine Besonderheit in unserer Gesellschaft.
Filmteam Colón:
Viele Kinobetreiber beklagen, dass die Zahl der Kinobesucher rückläufig ist,
weil die Leute sich Filme lieber zu Hause ansehen, was wir nun überhaupt nicht
verstehen können. Aber Fakt ist, dass das Kino nicht nur mit dem Fernsehen
konkurrieren muss, sondern zunehmend auch mit den DVDs, die man eben auch zu
Hause anschaut, und dem Internet. Was ist deine Prognose für die Zukunft des
Kinos?
Suse:
Es ist schwierig zu beantworten, ob es eine Zukunft für das Kino gibt. Ich
glaube, es wird immer Kino geben, die Frage ist, in welcher Form. Das Kino, so
wie es jetzt ist, wird sich nicht halten können. Da gibt es viele Aspekte, die
daran schuld sind. Für mich liegt ein großer Teil der Schuld bei der
Filmindustrie, weil sie Kino an sich nicht mehr interessant gestalten. Die
Filme, die es heute gibt, sind wie der Döner an der Ecke, schnell zu kriegen
und nach fünf Minuten vergessen. Ein Befriedigungsgefühl tritt einfach nicht
mehr ein, was Essen und ein Film eigentlich leisten sollten. Da muss eine Wende
kommen. Was Hollywood als größte Filmindustrie ja versucht, ist mehr in den
Bereich Independent zu gehen, d.h. Independent-Filme zu machen wie z.B. LITTLE
MISS SUNSHINE oder auch BABEL, HANGOVER, was übrigens ein super Film ist,
wirklich gut. Diese Filme haben ganz andere Ansätze, und ich glaube, dass das
wichtig ist, denn man lockt einfach mit einer romantischen Komödie die Leute
nicht mehr hinter dem Ofen hervor, sondern man muss ihnen Inhalte bieten. Und
ich glaube, dass es falsch ist, auf die Mainstream-Popkultur zu setzen, wenn
das Kino weiter existieren will. Denn die orientiert sich mit der Windrichtung
immer wieder neu, das ist wie in der Popmusik, vor 10 Jahren waren Boy Zone
total hip, vor fünf Jahren war es Jennifer Lopez, und heute interessiert sich
kein Mensch mehr für diese Musiker. Und genauso ist es mit den Filmen und vor allen
Dingen mit den Darstellern. Das Kino muss mehr Inhalte bieten, und deswegen
sind Kinos wie das Metropolis und das Abaton unglaublich wichtig für unsere
Kinolandschaft, um zu zeigen, dass es anders geht. Vor allem aber ist das
Internet eine große Konkurrenz für das Kino. Aber da muss sich der Konsument
auch fragen, was er eigentlich will. Will er sich zu Hause auf seinem
17-Zoll-Monitor einen Film ansehen, ihn aber gar nicht wirklich erleben können,
oder will er ins Kino gehen mit einer satten Surround-Anlage, mit einem
perfekten Bild und dieses Erlebnis einfach haben, der Sitz vibriert von der
Musik und der Körper nimmt es wirklich mit. Das kann man nicht zu Hause
erleben. Zu Hause ist es nur Konsum, es ist nicht mehr das ganzheitliche
Erlebnis, was Kino sein kann. Da sollte sich der Konsument genau überlegen, was
er will. Aber das ist ein Phänomen unserer Zeit, wir sind eine reine
Konsumgesellschaft. Wir kaufen und kaufen und kaufen und sind nie zufrieden.
Und wir sehen uns Sachen an und sehen und sehen und sehen und sind nicht
zufrieden. Warum sind wir nicht zufrieden? Weil wir nicht mehr bereit sind zu
erleben, wirklich zu erleben. Wenn man gern ins Theater oder ins Konzert geht,
dann hat man auch dieses ganzheitliche Erlebnis, und Kino kann das ebenfalls
bieten – und bietet das.
Da spielen Dinge mit hinein, die Industrie, der Konsument. Ich weiß nicht, wer
zu wem den Zugang kriegen muss, muss der Konsument den Zugang zum Kino bekommen
oder muss das Kino den Zugang zum Konsumenten bekommen. Es ist schwierig zu
beantworten, in welche Richtung es gehen muss. Über den reinen Konsum wird
niemand zufrieden werden.
Filmteam Colón:
Die obligatorische Frage an jemanden, der/die etwas mit dem Medium Film zu tun
hat: Was ist dein Lieblingsfilm?
Suse:
Eine Filmvorführerin danach zu fragen, was ihr Lieblingsfilm ist ein schlechter
Witz. Ich habe etwa gefühlte drei Millionen Filme in meinem Leben gesehen und
vorgeführt. Ich mag sehr gern den Film LITTLE BIG MAN mit Dustin Hoffman, das
ist ein großartiger Film. Ich mag aber auch sehr gern DER MANN, DER ZU VIEL
WUSSTE von 1934 von Alfred Hitchcock mit Peter Lorre, der ist wirklich
unglaublich gut. Es gibt so viele Filme, die toll sind. Es ist eine gemeine
Frage. Aber vielleicht kann ich doch noch einen Film empfehlen, wo ich gerade
Peter Lorre genannt habe: M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER. Das ist ein
unglaublich dichter Film, ganz wichtig für die Filmgeschichte, was die
Aufnahmetechnik betrifft, und ein Peter Lorre, ein großartiger, leider sehr
verkannter deutscher Schauspieler, der wohl die beste Leistung eines
Schauspielers ever ablegt.
Filmteam Colón:
Wir zeigen einmal monatlich bei euch im Metropolis unsere Filmreihe DaF:
Deutsch als Fremdsprache – Deutsch als Filmsprache, d.h. ausschließlich
deutschsprachige Filme. Was hältst du vom deutschsprachigen Film? Und welche
deutschsprachigen Filme kannst du den Besuchern unserer Reihe, die ja
vornehmlich keine Deutschen, sondern Lerner der deutschen Sprache sind,
empfehlen?
Suse:
Der Film M ist natürlich einer meiner persönlichen Lieblinge, wenn es um den
deutschen Film geht. Beim neuen deutschen Film finde ich es schwierig, in den
90er Jahren hat der deutsche Film unglaublich nachgelassen, er versucht einfach
zu sehr, sich an der internationalen Industrie zu orientieren, romantische
Komödien etc., und die sind meist nicht wirklich gut. Es gab jetzt in neuerer
Zeit ein paar Trendwenden, angefangen mit DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI, ein
Film, den ich auch aus politischer Hinsicht einfach sehr empfehlen möchte, er
ist auch immer noch unserem Zeitgeist entsprechend. Oder VINCENT WILL MEER, ein
wirklich toller, neuer deutscher Film. Es gibt viele, viele schöne alte
deutsche Filme. Ich kann mir schon vorstellen, dass junge Leute eine Aversion
dagegen haben, sich mit Filmkunst an sich auseinanderzusetzen. Aber ich habe
z.B. letztens den Film ES GESCHAH AM HELLLICHTEN TAG vorgeführt mit Heinz
Rühmann und Gert Fröbe. Letzterer hat eine unglaubliche Leinwandpräsenz und der
Film erfährt eine atmosphärische Dichte allein durch diesen Darsteller, obwohl
man ihn eigentlich nicht sieht. Zudem beruht der Film auf einem Buch von
Dürrenmatt, der einer meiner Lieblingsautoren ist. Gert Fröbe hat aufgrund
seiner Darstellung in ES GESCHAH AM HELLLICHTEN TAG die wohl größte Rolle
seines Lebens bekommen und zwar als Bösewicht in James Bond. Wenn man ihn
sieht, er ist ja nicht Mensch, er ist eine Erscheinung zwischen Gut und Böse
mit einem Gesichtsausdruck, bei dem man nicht weiß, ob er jetzt ein Guter oder
ein Böser ist. Ein unglaublich toller Darsteller. Auch der Film DIE TOLLKÜHNEN
HELDEN IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN. Das ist zwar ein richtig schlechter Titel,
aber ein wirklich toller deutscher Film, der unbedingt empfehlenswert ist.
Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich Fassbinder empfehle oder Schlingensief,
das ist mir alles viel zu verkopft. Kino hat auch für mich den Anspruch, dass
es unterhalten muss, muss berühren und muss viel leisten können. Ich verstehe
Fassbinder ganz oft nicht und weiß nicht, was er mir sagen will. Das gleiche
gilt für Schlingensief. Da frage ich mich, was will er mir eigentlich erzählen?
Die Filme mit Gert Fröbe z.B. die schaffen es, mich zu berühren, denn Fröbe ist
noch ein richtiger Schauspieler, er ist kein Star, sondern er spielt einfach.
Filmteam Colón:
Was sind deine Zukunftspläne?
Suse:
Ich und meine Zukunft? Ich werde glücklich und zufrieden und habe irgendwann
einen Rosengarten.
Filmteam Colón:
Suse, wir sagen ganz herzlichen Dank für dieses außerordentlich interessante
Interview und dafür, dass wir ein wenig hinter die Kulissen blicken durften.
Wir haben eine Menge gelernt und vielleicht ist es dir ja gelungen, unseren
Lesern das Erlebnis Kino und die Faszination dieses Mediums wieder ein wenig
näher zu bringen. Und jeder, der dies gelesen hat, möge doch mal wieder ins
Kino gehen und sich einfangen lassen von der tollen Atmosphäre, wenn das Licht
ausgeht, sich der Vorhang öffnet und vielleicht sogar der Kinosessel vibriert,
sich gefangen nehmen lassen von den schönen Geschichten, die in Bilderform nur das
Kino so darbieten kann, die Chance nutzen, sich nach dem Film noch mit anderen
Kinobesuchern und den Freunden über das Erlebte auszutauschen, den Film nicht
einfach konsumieren, sondern wirken lassen und als das ansehen, was ein guter
Film sein kann: Ein echtes Erlebnis!
Und dann werft doch einmal einen Blick nach oben, dort wo die Glasscheibe ist,
denn dort steht hoffentlich noch jemand, der euch dieses Erlebnis beschert.
Solange es noch Filmvorführer aus Fleisch und Blut gibt, sollten wir ihnen
Beachtung schenken und nicht nur an sie denken und über sie fluchen, wenn mal
etwas schief geht. Kino wird von Menschen für Menschen gemacht, und das ist ein
schönes Gefühl, denn der kalten Technik des digitalen Kinos fehlt, seien wir
ehrlich, das Herzblut.
Unser obiges Foto stammt aus dem Vorführraum des Metropolis-Kinos in Hamburg. Hier
spult die Filmvorführerin Suse gerade einen 35mm-Film zurück. Schönes analoges
Kino!
