Sonntag, 9. September 2018

Internationales Filmfest Oldenburg zum 25. Mal


Am 12.9.2018 startet die Jubiläumsausgabe des Internationalen Filmfests Oldenburg , das für sein sorgfältig kuratiertes Programm weltweit bekannt ist. Seit 1994 steht das Internationale Filmfest Oldenburg für bedingungsloses Independent-Kino, das Jahr für Jahr tausende begeisterte Filmfreunde anzieht. Über Genregrenzen hinweg und gegen den Mainstream wird das Unabhängige, die Kunst an sich, und nicht der Kommerz gefeiert.


Eröffnet wird das Filmfest am 12.9. mit der Europapremiere der russischen Produktion UNFORGIVEN. Somit wird erstmals in der nunmehr 25-jährigen Geschichte kein deutscher Film das Festival eröffnen. Ein Stück jüngerer deutscher Geschichte bildet jedoch den Hintergrund des Films. Russlands Regiestar Sarik Andreasyan erzählt die zutiefst traumatische, wahre Geschichte des Osseten Vitaliy Kaloev, der bei der Flugzeugkatastrophe von Überlingen seine komplette Familie verliert. Der Schmerz darüber und die Ohnmacht angesichts der Abwesenheit von Empathie und Reue der Verantwortlichen führt in eine zweite, menschliche Katastrophe. Nachdem Andreasyan mit »Guardians« Russlands Antwort auf die Marvel Superheldenfilme auf die Leinwand gebracht hat, zeigt er sich in »Unforgiven« als Virtuose des Schauspielerkinos ohne Scheu vor überlebensgroßen Emotionen.


Historische Fakten stehen im Mittelpunkt des Films, der eine Geschichte erzählt, die in den 2000er Jahren medial sehr genau und umfassend begleitet wurde. Nach der Flugzeugkatastrophe von Überlingen, der aufgrund einer Verkettung von Fehlern, Unaufmerksamkeiten und technischen Problemen im Jahre 2002 über dem Bodensee 71 Menschen, darunter 49 russische Kinder zum Opfer fielen, bahnt sich eine weitere, menschliche Katastrophe an, die Andreasyans Film zu einem intensiven, bewegenden und visuell mitreißenden Stück Kino verarbeitet.

Die Eröffnungsgala findet in diesem Jahr erstmalig in der Kongresshalle der Weser Ems Hallen statt.

In einem Tribute ehrt das 25. Internationale Filmfest Oldenburg den Oscargewinner Keith Carradine. Der international bekannte
Charakterdarsteller Hollywoods wird während des Festivals und nicht bei der Europapremiere von RAY MEETS HELEN (USA 2018, Alan Rudolph). Gezeigt werden zudem die Klassiker, NASHVILLE (Robert Altman), DIE DUELLISTEN (Ridley Scotts meisterhaftes Regiedebüt) sowie TROUBLE IN MIND (Alan Rudolph).


Des Weiteren bietet das diesjährige Filmfest eine Werkschau Bruce Robinsons, eines der eigenwilligsten Autoren und Regisseure des britischen Kinos. Gewürdigt werden seine Arbeiten als Darsteller, Autor und Regisseur. Bruce Robinson wird während des gesamten Festivals in Oldenburg zu Gast sein und acht seiner Filme im Rahmen der ihm gewidmeten Retrospektive vorstellen. Die Retrospektive wird folgende Filme beinhalten: ROMEO AND JULIET (1968), THE STORY OF ADELE H (1975), KLEINHOFF HOTEL (1977), THE KILLING FIELDS (1984), WITHNAIL AND I (1987), HOW TO GET AHEAD IN ADVERTISING (1989), JENNIFER 8 (1992) sowie THE RUM DIARY (2011).


Im Rahmen der festlichen Filmfest Gala präsentieren Tomer Almagor und Nadav Harel am 15. September 2018, 21.00 Uhr, im Oldenburgischen Staatstheater ihren Dokumentarfilm KING OF BEASTS (USA 2018) als Weltpremiere. Im Film begleiten sie den Großwildjäger Aaron mit einer Gruppe von Jägern auf einer Jagd in Tansania. Mit noch nie zuvor ermöglichten Einblicken in dieses weltweit geächtete Phänomen der Trophäenjäger ist ein Film entstanden, der in Erzählform und visueller Energie intensiver als jeder Spielfilm erscheint. Ein Portrait eines durch und durch neokolonialistischen Unternehmens. Am Ende werden wir herausfinden, wer der »King of Beasts« ist. 


Die Closing Night Gala der 25. Ausgabe des Filmfest Oldenburg findet am 16. September 2018 um 19.00 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater statt. Im Anschluss an die Preisverleihung, u.a. des German Independent Awards, wird der französische Spielfilm FRÜHES VERSPRECHEN (2017) von Eric Babier seine Deutschlandpremiere erleben. Der Film entfaltet das Leben des französischen Schriftstellers, Regisseurs und Diplomaten Romain Gary. Von seiner Kindheit in Polen über seine Jugend unter der Sonne von Nizza bis hin zu den Erlebnissen als Pilot in Afrika während des Zweiten Weltkriegs, Romain Gary lebte ein außergewöhnliches Leben. Die unerschütterliche Liebe seiner liebenswerten wie exzentrischen Mutter Nina (Charlotte Gainsbourg) lässt ihn zu einem der größten Romanciers des zwanzigsten Jahrhunderts werden, zu dem Mann der als einziger zweimal den französischen Literaturpreis Prix Goncourt erhält. FRÜHES VERSPRECHEN wird in Deutschland von Camino Films im Herbst in die Kinos gebracht.

Die Matchbox Coproduction Lounge wird am 15. September im Rahmen des Filmfest Oldenburg 2018 zum dritten Mal in Oldenburg stattfinden. Filmemacher aus der ganzen Welt treffen hier zusammen, um sich über ihre Ideen auszutauschen und um gemeinsame Interessen zu entdecken. Ziel der eintägigen Veranstaltung ist es, Filmemachern und Branchenvertretern ein entspanntes und persönliches Umfeld zu bieten, in dem sie Kontakte knüpfen und zukünftige Kooperationen schaffen können. Zusätzlich zu dem Meeting wird am Sonntag (16.9.) der Produzent Jim Stark (NIGHT ON EARTH, DOWN BY LAW) ein Panel über die Produktion von »Low Budget«- Filmen halten und seinen neuesten Film, den deutschen Film ADAM von Maria Solrun vorstellen.


Im Zuge der dritten Matchbox Coproduction Lounge wird die mazedonische Filmförderung, die Macedonian Film Agency, als neuer Förderer für potenzielle internationale Projekte vorgestellt. Mitglieder der Filmförderung und eine Delegation von Produzenten werden zugegen sein. Der mazedonische Film THE RETURN (VRAKANJA) von Kastriot Abdyli wird seine Weltpremiere auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg feiern.

Das diesjährige Line-up beinhaltet erneut Veteranen, Newcomer und vielversprechende zweite Projekte von aufstrebenden Filmemachern. So beispielsweise das Projekt der bulgarischen Filmemacherin Maya Vitkova, deren Debüt VIKTORIA (2014) ein großer Erfolg in Festivalkreisen (Sundance, Rotterdam) war. Nachdem sie dieses Jahr den Kierslowski Award für das Beste Osteuropäische Drehbuch in Cannes erhielten, kommt sie nach Oldenburg, um Partner für ihr neuestes Projekt AFRIKA zu suchen.

Dieses Jahr werden ebenfalls zwei Bestseller Adaptionen in der Lounge präsentiert. Der letzte Roman von Pulitzer Preis-Gewinner Norman Mailer, THE CASTLE IN THE FOREST, ist für eine Serienadaption angelegt und wird von Mailers Sohn Michael vorgestellt, dessen Film THE PRIVATE LIFE OF A MODERN WOMAN ebenfalls auf dem Internationalen Filmfest Oldenburg gezeigt wird. 


Barbara Abels Bestseller DUELLE sucht ebenfalls Unterstützer für eine  Adaption als packender Psycho-Thriller PLEASANT HILLS.

Die Regisseuren-Legende aus den 1970ern, Harry Kümel, schaut sich nach Verstärkung für MOTHER OF DARKNESS um, der Fortführung seines Kultvampirfilms DAUGHTER OF DARKNESS. Ebenso sucht er Förderung für THE ADVENTURES OF HARRY DICKSON, eine Serie basierend auf den Geschichten von Jean Ray, Autor seines 1972 mit dem Plame d´Or moninierten Meisterwerks MALPERTUIS mit Orson Welles.

Der australische Regisseur und Querdenker Philipp Mora hat sich mit Jim McElroy, Produzent des mit dem Oscar ausgezeichneten THE YEAR OF LIVING DANGEROUSLY von Peter Weir, zusammengetan, um gemeinsam das Erste Weltkriegs Drama MONASH OF AUSTRALIA zu entwickeln.

Weitere Highlights dieses Jahres sind SALT IN THE WOUND, das Debüt des talentierten jungen Filmemachers Harry Ayiotis aus Zypern, der letztes Jahr den Midpoint HBO Preis auf dem Sarajevo Film Fest entgegennehmen konnte.

Noch viel mehr Programm-Highlights des Filmfest Oldenburg 2018 haben wir hier zusammengestellt

Last but not least: In Zusammenarbeit mit dem Berliner Streamingdienst FilmConfect bietet das Filmfest Oldenburg erstmalig die Möglichkeit, Independent-Perlen auch zu Hause anzusehen. Geboten wird ein Best-of aus 25 Jahren als Video-on-Demand. Darunter befindet sich z.B. Michal Samirs atemberaubendes Erstlingswerk HANY, das 2014 in Oldenburg den German Independence Award gewann und von einer unvergesslichen Nacht erzählt, die in einer einzigen spektakulären Einstellung gefilmt wurde. Auch dabei ist Jan Ole Gersters bahnbrechender Erfolg OH BOY, der 2012 das Internationale Filmfestival eröffnete und mit seiner Geschichte des gescheiterten Jura Studenten, der sich im Gestrüpp der Möglichkeiten verliert, den German Independence Award gewann. Besonders ausgewöhnlich ist Micheal Wadleighs einziger wirklicher Spielfilm WOLFEN (ein toller Film übrigens). Nur die wenigsten wissen, dass Micheal Wadleigh, neben seiner wegweisenden Dokumentation „Woodstock“ einen der raffiniertesten Horrorfilme der 80er Jahre schuf, der nun als besonderes Juwel in der VoD-Reihe zu sehen sein wird.

1. Foto: Regina Nickelsen (Filmteam Colón)